Das Kulturerbe
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In der St. Pauluskirche versöhnt sich das barocke Interieur auf wunderbare Weise mit dem gotischen Gebäude. Spielerischer Barock und straffe Gotik harmonieren miteinander. Kein Einzelteil tritt in den Vordergrund, alles ist integriert in einem ausgewogenen Ganzen. Die Antwerpener Bildhauer und Maler haben in der St. Pauluskirche ein einzigartiges Ensemble geschaffen.

Der Hochaltar ist ein monumentaler, barocker Portalaltar. Er wurde 1670 von Peter I Verbruggen und seinem Sohn Peter I geschaffen. Der schwarze und weiße Marmor erinnert an die Farben der Dominikaner: weiß ist die Farbe der Armut, schwarz die Farbe der Reue über die Sünde. Der ganze Altar ist übrigens ein Glaubensbekenntnis im Zeitalter der Gegenreformation. Über der Kronleiste, auf den Voluten, sitzen zwei allegorische Figuren: "fides" (der Glaube) und "veritas" (die Wahrheit). "In fide et veritate" war der Leitspruch der Dominikaner. Die Dame links hält ein Kreuz und einen Kelch fest, als Zeichen des Glaubens. Die Dame rechts hält eine Sonne, einen Palmenzweig und ein Buch fest, als Symbol der Wahrheit. Auftraggeber des Hochaltars war Ambrosius Capello, siebter Bischof van Antwerpen und Altprior des Dominikanerklosters. Er wurde auf dem Fuß der linken Säule abgebildet, in der Gestalt des Heiliges Ambrosius.

Eine prächtige Skulpturengruppe steht am ersten Pfeiler rechts vom Mittelschiff aufgestellt. Es ist ein frühes (1644) Werk in Stein des berühmten Antwerpener Bildhauers Artus I Quellin (1609-1668). Maria hält das Jesuskind vor sich und hilft ihm, die Passanten zu segnen. Sie stützt zur gleichen Zeit den schweren Globus, den ihr Kind in seiner linken Hand hält. Links und rechts stehen Josef und Anna. Oben kommen zwei Engel mit einem Lorbeerkranz angeflogen. Das Ganze ist in sauberem Rubens-Stil entworfen, charakteristisch für die frühe Periode von Artus I Quellin, bevor er nach Amsterdam zog für die Innen-und Außenverzierung des Rathauses auf dem Dam.

Das Grab von Ophovius stammt aus 1637 und wurde in Marmor und Avesnestein ausgeführt. Das Jesuskind steht auf den Knien seiner Mutter und reicht dem knienden Bischof einen Rosenkranz. Die Statue von Ophovius, Bischof von 's-Hertogenbosch und Prior der Antwerpener Dominikaner, wird Hans van Mildert zugeordnet. Oben auf dem Grabmonument sitzt ein weinender Putto mit Sanduhr, Todeskopf und umgekehrter Fackel. Die Zeit geht für jeden von uns schnell vorbei...

 

 


Bildhaukunst findet man hier wirklich in Überflut: Altäre und Kommunionsbänke, Chorgestühl und Orgel, Epitaphe und Portale und vor allem die Beichtstühle mit nicht weniger als 40 lebensgroßen Figuren und reich skulptierter Lambrisierung. Außergewöhnliches Können von u.a. Kerricx, Verbrugghen, Quellin, mit dem unverwechselbaren flämischen Akzent von Lebensfreude und Bildkunst, sicherlich bei den Beichtstühlen: hier wird der innerliche Konflikt des Menschen zwischen Gut und Böse auf verblüffend kreative Weise illustriert. Ob es nun um ungestüme Hunde, brüllende Löwen, streitende Hähne, geile Affen oder einen echten "Sündenbock" geht - ihre Kraft als Sinnbild für das Böse muss in jedem Fall eingedämmt und gezähmt werden. Der Phantasiereichtum all der erbaulichen Symbole ist nicht zu schätzen: ein tanzendes Skelett lässt uns an die Vergänglichkeit denken, ein Schmetterling an die Auferstehung zu einem unvorstellbaren neuen Leben. Kinderspiele mit Ball oder mit Seifenblasen oder ein Katz- und Mausspiel (!) sollen zu himmlischer Tugendhaftigkeit anspornen, ohne dass der Spass verloren geht... Eine zeitlose Botschaft. Und - als ob dies noch nicht alles wäre - ein grosser Skulpturengarten wie ein Live-Freilufttheater.

Und da ist noch mehr. Das Gemälde "Die sieben Werke von Barmherzigkeit" geben Zeugnis vom sozialen Zustand unserer Vorfahren. Die Reihe Marinewerke "Die Seeschlacht von Lepanto" (J. Peeters, 1671) illustriert dann wieder ein Stück Europäischer Geschichte. Auch über Kunsthandel und (vor allem) -wandel kann "St. Paulus" mitsprechen. Mehrere Werke wurden durch fremde Besucher oder Besatzer aufgekauft oder ohne Bezahlung mitgenommen: eben der Preis für den Erfolg! Der Tourist kann viele Publikationen zu Rate ziehen, die von treuen St. Paulusfreunden erstellt wurden.

Nirgendwo findet man in Antwerpen so viele Masken. Bis in den Klostergang lachen sie einem zu, jede mit eigener Grimasse: ein psychologischer Trick, um den grauen Alltag etwas fröhlicher zu machen.

Die monumentale Barockkirche kann stolz sein auf prächtige Kunstwerke und kostbare Materialien, dennoch geht von dem Innern eine wunderbare Leichtigkeit aus, die von freudevollem Glauben und Gottesvertrauen zeugt. Es ist eine Welt von Licht und Bewegung: wo man auch hinschaut, zwischen Chorgestühl und Beichtstühlen, überall wachen Engel und winken einem zu. Spielerisch und leichtfüßig, zärtlich und voller Mitleiden schauen sie uns an, und laden uns ein, mitzumachen in ihrem Spiel.

Zu noch mehr Freude stimuliert sie die imposante Orgel, die zu den Top Zehn der historischen Orgeln in Europa gezählt wird. Der monumentale Orgelkasten wurde zwischen 1654 und 1658 von Peter I Verbruggen nach einem Entwurf von Erasmus II Quellinus geschnitzt. Das ursprüngliche Instrument war von Nicolaes van Haegen. In 1730-32 wurde die Orgel ausgebaut von dem berühmten Jean-Baptiste Forceville. Nach der Verwahrlosung durch die Französische Revolution wurde sie in 1824 noch einmal umgebaut, durch Jean-Joseph Delhaye. Zusammen mit Chor und Orchester weiß sie in den feierlichen Orchestermessen tiefe Gefühle im Kirchenbesucher wach zu rufen. Das sollte man erleben!







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